Die 4-Tage-Woche – Heilsbringer der Arbeitswelt?

Ein Studie aus Großbritannien hat die Auswirkungen einer 4-Tage-Arbeitswoche auf das Wohlbefinden und die Produktivität untersucht. Die Ergebnisse sind außerordentlich positiv. Was können diese Erkenntnisse für unsere Arbeitswelt bedeuten – und verändert eine 4-Tage-Woche wirklich etwas?

Arbeiten wir zu viel? Ist die Arbeit, die wir verrichten, in irgendeiner Weise nützlich, ist sie sinnstiftend für uns und/oder unsere Umwelt? Die philosophischen und psychologischen Fragen, die Arbeitnehmende zusehends in Zeiten von Nachhaltigkeitsproblemen oder der oft zitierten Bullshit-Jobs beschäftigen, wiegen mittlerweile mindestens so schwer wie die älteren Fragen nach gerechtem Lohn und Arbeitszeit. Da verwundert es nicht, wenn beim Thema Arbeitszeitverkürzung nicht nur rein zeitliche Aspekte und monetäre betrachtet werden, sondern auch die Gesamtheit der Gesundheit und Produktivität einer arbeitenden Gesellschaft.
Diesen Fragen ging die britische Kampagne 4 Day Week in einer großflächigen Studie 2022 nach. Sechs Monate nahmen knapp 3.000 Arbeitnehmende aus verschiedensten Branchen teil. Ziel war zu überprüfen, inwiefern verschiedene Modelle einer generell kürzeren Arbeitswoche nicht nur die Work-Life-Balance, Zufriedenheit und Gesundheit beeinflussten, sondern ob auch die Produktivität potenziell positive Entwicklungen erfährt. Denn gerade die Produktivität sei in Großbritannien im europäischen Vergleich bei ähnlich hohen Arbeitszeiten in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen, Krankheitstage vermehrten sich. Dies ist auch auf die größer werdende psychische Belastung von Arbeitnehmer*innen zurückzuführen. Die viel gepriesene Dynamik in der Arbeitswelt, was flexible Arbeitszeit, leitstungsorientierte Bezahlung und Selbstmanagement anbelangt, fordert in einer immer schnellereren Produktions- und Konsumwelt vor allem psychisch ihren Tribut – Burn-Out-Erkrankungen vermehren sich, das Modell ‚Krokodil‘ jagt die Arbeitenden auch in Deutschland vor sich her.

Die Frage nach weniger Arbeit ist nicht neu, ähnliche Modellversuche gab es bereits in Japan oder auch auf Island, wo 2019 nach einer vierjährigen Studie neue Tarifverträge ausgehandelt wurden, die einem Großteil der isländischen Beschäftigten die Möglichkeit einräumen, bei vollem Lohnausgleich weniger zu arbeiten. Die aktuelle britische Kampagne 4 Day Week konnte 61 interessierte Unternehmen als Studienteilnehmer gewinnen, von kleineren Betrieben mit wenigen Angestellten bis hin zu Firmen mit über 100 Beschäftigten. Die teilnehmenden Branchen umfassten u.a. die Gastronomie, Finanzdienstleister, Werbung, Pflege, das Bildungswesen sowie das Bau- und Manufakturgewerbe. Begleitet wurde die Studie auf wissenschaftlicher Ebene von Forschenden aus den Bereichen Gesellschaftswissenschaften, Soziologie, Psychologie und Wirtschaft der Universität Cambridge und des Boston College.

Studieninhalt und Ergebnisse lassen hoffen

Die Arbeitszeitmodelle der Studie sahen kein starres Konstrukt vor, dass gesamtwirtschaftlich auf alle Produktions- und Dienstleistungsbereiche gepresst werden sollte, sondern je nach den individuellen Bedürfnissen der jeweiligen Unternehmen angepasste Methoden zu entwickeln und zu testen. Die hier angewandten Modelle hatten alle zur Grundlage, dass ein 100-pozentiger Lohnausgleich bei signifikant spürbarer Arbeitszeitverringerung erfolgte.
Dabei kamen Modelle wie ein fester freier zusätzlicher Tag, frei wählbare Arbeitszeit, Wochenstunden auf Ganzjahresarbeitszeit angepasste Modelle sowie leistungsbezogene 4-Tage-Wochen zum Einsatz. Hierbei gab es bei vielen Unternehmen auch Mischformen der einzelnen Modelle, die an die Situation der jeweiligen Abteilungen oder individuelle Bedürfnisse der Arbeitnehmer*innen angepasst wurden.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen: So ging der durchschnittliche Rückgang der wöchentlichen Arbeitszeit auf rund 34 Stunden mit einer deutlichen Verbesserung des Wohlbefindens der Beschäftigten einher. Burn-Out-Gefahren verringerten sich immens, das Schlafverhalten sowie die allgemeine psychische und physische Verfassung der Angestellten profitierten von der vermehrten Freizeit. Auch private Care-Arbeit etwa wurde ausgeglichener betrieben.
Die Arbeitgeberseite sah neben einem verbesserten Betriebsklima eine gleichbleibende, teils sogar erhöhte Produktivität. Dem sei allerdings ein notwendiger, aber konstruktiver Optimierungsprozess bei Arbeitsabläufen vorangegangen.
Von den teilnehmenden 61 Unternehmen haben 56 angekündigt, die 4-Tage-Woche über die Studienzeit hinaus weiter zu testen. 18 davon haben die verkürzte Arbeitszeit bereits bindend bei sich eingeführt.

Die Rezeption der Studie in Deutschland ist geteilt

Die Studie ruft natürlich nicht nur positive Stimmen auf den Plan. Kritiker bemängeln einen vermeintlich tendenziösen Charakter der Studie: So wären alle teilnehmenden Unternehmen dem Thema von vornherein positiv gegenüber eingestellt, was zu Über-Performance während der sechsmonatigen Testphase geführt haben könnte. Gerade dieser Umstand sei aber gefährlich, so etwa der Arbeitspsychologe Prof. Michael Kastner. Verringerte Arbeitszeiten führten in der Regel zur Arbeitsverdichtung und -intensivierung. Die Stresslevel der Beschäftigten stiegen, was auch mit einem Tag mehr Freizeit nicht auszugleichen sei (das Statement ist im Rahmen einer MDR-Reportage ab Minute 06:15 zu sehen).
Generell wird von Kritikern postuliert, dass eine Arbeitszeitverringerung in der Realität mit Lohneinbußen einhergehe, da aufgrund des Arbeitszeitgesetzes im Durchschnitt nur 8 Stunden pro Tag gearbeitet werden dürfe – dies käme bei einer 4-Tage-Woche 32 Stunden an Arbeitszeit gleich, was einen vollen Lohnausgleich unwahrscheinlich machte. Des Weiteren sei das Prinzip auf viele Branchen nicht übertragbar (Pflege, Bildung, etc.), auch würde Fachkräftemangel in einzelnen Branchen solche Arbeitszeitmodelle unmöglich machen.
Auch kann durchaus kritisiert werden, dass an der Studie keine Großunternehmen mit 1.000 oder mehr Beschäftigten teilnahmen. Die Studie ist damit zwar in der Breite der Branchen gut abgebildet, nicht aber in der Größe der Unternehmen.

Positiv bewertet wurde die Studie unter anderem von der NRW-Landesvorsitzenden des DGB, Anja Weber: Verkürzte Vollzeit sei viel zu unterrepräsentiert, obgleich gerade die Frauenerwerbsfähigkeit von solchen Modellen profitieren könnte. Die Zunahme an psychischen Erkranken in Zeiten von Arbeitsverdichtung und Selbstmanagement-Ausbeutung sei ein deutlicher Indikator, dass nicht noch mehr, sondern weniger gearbeitet werden müsste.

Der Arbeitsmarktforscher Philipp Frey des Karlsruher Instituts für Technologie hat für den öffentlichen Dienst in Deutschland im Falle einer 4-Tage-Woche zwar höhere Personalausgaben errechnet, dem stünden aber zusätzliche Steuereinnahmen sowie Einsparungen bei Arbeitslosengeldzahlungen gegenüber, was am Ende eines Jahrzehnts nach Einführung einer 4-Tage-Woche ein Plus/Einsparungen von gut 900 Millionen € entspräche. Des Weiteren hält er eine 4-Tage-Woche volkswirtschaftlich längst für möglich, da die Vollzeit-Woche bei wachsender Produktivität seit knapp 30 Jahren stagniere. Auch steige die Produktivität, wie Forschungsergebnisse darlägen, des Weiteren seien unter anderem ein sinkender ökologischer Fußabdruck durch verringerten Berufsverkehr eine sowie sinkende Arbeitslosigkeit zu erwarten.

Modelle zur Arbeitszeitverkürzung werden in Deutschland übrigens teils bereits erfolgreich eingesetzt:
Zum Beispiel ein Handwerksbetrieb für Leckortung und Bautrocknung aus Eichsfeld, welcher die 4-Tage-Woche mit großem Erfolg eingeführt hat. Der Geschäftsführer beschreibt, dass die emotionale Gesundheit der Mitarbeitenden das wichtigste Kapital der Firma sei, noch vor Umsatz und Gewinn. Diesem Faktor könne man nur mit mehr Freizeit bei vollem Lohnausgleich Rechnung tragen. Daher wurden Zeitfresser im Tagesgeschäft eliminiert, Arbeitsabläufe optimiert, hierbei auch alte Handwerks’weisheiten‘ hinterfragt und transformiert. Das Ergebnis: Zufriedenere Mitarbeiter und teils 50%-ige Umsatzsteigerung gegenüber den Vorjahresmonaten. Der Betrieb hat so viel Erfahrung mit der 4-Tage-Woche gesammelt, dass er nun auf diesem Gebiet Beratung für interessierte Unternehmen anbietet.

Eine Bielefelder Unternehmens-Beratung hat einen 5-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich eingeführt, was allerdings massive Arbeitsverdichtung mit sich zieht. Alle Abläufe müssen eng getaktet funktionieren, es bleibt kaum Zeit für längeren interkollegialen Austausch, gröbere Fehler können systemkritisch werden. Die Firmenleitung versucht, alle Aufgaben nach Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen der einzelnen Angestellten aufzuteilen und zu organisieren, um die Produktivität so hoch wie möglich zu halten.

4 Tage Arbeit macht alles besser – oder?

Brauchen wir also eine 4-Tage-Woche? Ist sie eventuell längst überflüssig? Oder ist das das Geraune einer realitätsfernen Arbeitnehmerinitiative, die weder den Sinn des Ökonismus noch die Fakten von Arbeitskräftemangel verstanden hat? Bei aller Kritik scheinen die Zahlen für eine Arbeitszeitverkürzung zu sprechen, wenn vielleicht auch nicht sofort flächendeckend, sondern anfangs branchenspezifisch angepasst – dazu muss in vielen Bereichen auch erst der Fachkräftemangel behoben werden, obgleich hier kürzere Arbeitszeiten einen Wettbewerbsvorteil bei der Suche beschereren könnten. Und vermutlich müssen hierzu in Deutschland auch erst Modellversuche und Projekte ins Leben gerufen werden, damit das Prinzip größeres öfentliches Interesse weckt.

Letztlich dreht sich diese Thematik aber im Kreis um ein ganz anderes Problem:
Eine populärmedial oft zitierte Phrase – die auf Charles Beaudelaire zurückgeht – besagt, dass der beste Trick des Teufels jener war, die Menschheit glauben zu machen, dass es ihn nicht gäbe. Etwas Ähnliches ließe sich auch über den Kapitalismus sagen: Der beste Marketingtrick des Kapitalismus besteht darin, uns glauben zu machen, dass es keine Alternative zu ihm gäbe. Demokratie und freie Marktwirtschaft mit (natürlich kräftigem) Wachstum sind untrennbar miteinander verbunden und deshalb kann es für unsere Vorstellung von freien, sicheren und zufriedenen Gesellschaften auch keinen anderen Weg geben – so die Sage. Demnach wären Forderungen wie eine deutlich verkürzte Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich auch kontra’produktiv‘, hört man auf die Stimmen aus der Interessenvertretretung der meisten Unternehmensleitungen.

Was wahr ist: Solange wir diesem fukuyama’schen Narrativ verschrieben und verhaftet bleiben und uns nur mit Fragen der Ausgestaltung im Rahmen der aktuellen ökonomischen Ideologie beschäftigen, werden wir auch mit Konzepten wie der 4-Tage-Woche lediglich Symptombekämpfung betreiben. Und eines der Kernprobleme unserer Zeit nicht an der Wurzel anpacken – das Wachstum. Denn das Wachstum ist es, dass uns die Ressourcen unseres Planeten ausbeuten lässt, dass uns immer arbeitsverdichteter und selbstausbeutender ins Büro, die Fabrik, in die Schulen, Krankenhäuser oder auf die Baustellen hetzen lässt, sodass unsere ‚Freizeit‘ letztlich nur noch dem Auskurieren von Erschöpfung dient, und das uns mit dem Märchen vom Trickle-Down-Effekt die Karotte vor der Nase haltend einfach weiter Richtung Kollaps führt. Individuell – national – global.

Politisch ist das alles längst bekannt, die Berichte der Enquete-Kommission des Bundestags zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität haben bereits vor zehn Jahren dringendst empfohlen, soziale Handlungsfähigkeiten und politische Gestaltungskraft gegen unnachhaltige Partikularinteressen zu stärken. Wenn es nicht gelänge, gesamtgesellschaftlich, konsensbasiert als kollektive Identität einen Umbau zur Nachhaltigkeit zu gestalten, der Fortschritt auch jenseits von Wachstumszwängen möglich mache, dann zerfiele die Gesellschaft in zwei Lager: Einerseits in marktgesteuerte Wachstumsbefürworter, die auf die eindeutig doppeldeutigen Entfesselungskünste von Technik und Wirtschaft vertrauten, und andererseits pluralistisch-emanzipierte Widerständler gegen die technisch-ökonomische Modernisierung, die zwar viel Blockade-, aber wenig Veränderungskraft besäßen.*

Zehn Jahre sind vergangen – wie recht die Enquete-Kommission leider mit ihrer letzten Befürchtung behalten sollte: Denn wir befinden uns ziemlich genau in dieser prognostizierten polarisierten Gesellschaft. Beziehungsweise befinden uns immer noch darin, denn weder zunehmende Auswirkungen der Klimakatastrophe noch die Corona-Pandemie haben uns zusammenwachsen lassen. Im Gegenteil.
Eine 4-Tage-Woche kann also nicht die Lösung sein. Aber sie kann der Anfang einer sich wandelnden Gesellschaft werden, die nachhaltiger mit sich und ihrer Umwelt umgeht. Das wird nicht Utopia und das wird nicht Keynes mit seiner Prognose der 15-Stunden-Woche.
Aber wandeln muss es sich.

*Schlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität–Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“, Berlin 2013, S. 749.

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