Wenn der Ball rollt: Bildschirm aus!

Ein Aufruf zum Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar

Wenn am 20. November 2022 das Gruppenspiel zwischen Austräger Katar und Ecuador die 22. Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet, werden wieder Millionen Menschen vor den Bildschirmen kleben und sich darüber freuen, in den nächsten Wochen ein Fest des Sportes, des Friedens und der Völkerverständigung feiern zu können. Endlich mal Ruhe von den Krisen dieser Welt – scheiß auf Putin und seinen Krieg, scheiß auf die Energiekrise, scheiß auf Corona und scheiß auf den Klimawandel. Endlich wieder Brot und Spiele, jubelnde Massen und Tore, Tore, Tore!
Wenn dir, liebe/r Leser*in, bei diesem Eingangsabsatz der zynische Unterton entgangen sein soll, ist dir nicht mehr zu helfen. Viel Spaß beim Gucken, beim Ausblenden der Welt um dich herum – du brauchst ab hier nicht mehr weiter zu lesen.

Denn was folgt, ist eine Bitte an alle, die sich um mehr Gedanken machen als um die eigene Unterhaltungssucht: Eine Bitte, dieses Sportereignis zu boykottieren. Den Öl- und Gasmagnaten, Wirtschaftsbossen, Sklaventreibern, Schwulen- und Lesbenhassern, Terrorförderern und Frauenunterdrückern eben keine Bühne zu geben, um ihr Image weiß zu waschen. Denn Katar 2022 steht für all das – so sehr das Land auch Weltoffenheit und Diversität propagieren mag, um zahlende Touristen und Investoren ins Land zu locken.
Der Boykott-Aufruf zu Katar 2022 steht aber auch stellvertretend für eine Abrechnung mit dem Profi-Fußball an sich, in dem die Verquickung von Unterhaltungsindustrie, Politik, Wirtschaft und Unterdrückung mit jedem Jahr deutlicher wird. Die Selbstinszenierung, Märchenstunde und das Mundtotmachen von Geschädigten des Systems Fußball sind nicht mehr hinzunehmen.

Wir wissen alle nicht erst seit dem Bekanntwerden des Austragungsortes der WM ’22, dass Profi-Fußball eine schmutzige Angelegenheit ist: Sei es die Korruption innerhalb der FIFA oder der UEFA, die vermutlich auch zur Vergabe der WM 2006 an Deutschland führte (dem berühmten „Sommermärchen“), oder die Menschenrechtslage in Südafrika oder Brasilien, die 2010 und 2014 unter den Tisch gekehrt wurde. Auch Russland durfte 2018, vier Jahre nach der Annexion der Krim, die WM austragen. Kritische Stimmen gab es kaum. Alles für die Spiele!

Nun wird die diesjährige Weltmeisterschaft in Katar ausgetragen. Katar, das ist jener kleine und sehr reiche Wüstenstaat am Persischen Golf, eingepfercht zischen den Riesen Saudi-Arabien und Iran, dessen Bevölkerung zu fast 90% aus unterbezahlten, unterdrückten Gastarbeitern besteht. Ein Staat, in dem Frauen so gut wie keine Rechte besitzen und Homosexualität unter Strafe steht. Katar, das ist das Land, in dem fast jeder Fünfte der 300.000 Einwohner mit katarischem Pass der einflussreichen Familie Ṯānī angehört, die seit der Unabhängigkeit 1971 die Geschicke im Land lenkt. Die absolute Monarchie des Emirats erlebt fast absolute Handlungsfreiheit auf der internationalen Bühne, abgesichert durch die Einnahmen aus den wichtigsten Exportgütern: Erdgas und Erdöl.

Katar hat sich international fast unentbehrlich gemacht: Auf der einen Seite durch die Rohstoffexporte, auf der anderen durch massive Investitionen im Ausland. Der katarische Staatsfond QIA (Qatar Investment Authority) hält relevante Anteile an wichtigen internationalen Unternehmen: Im Finanzsektor bei Barclays, Credit Suisse oder der Deutschen Bank, in Transport und Logistik bei Hapag-Lloyd und diversen Flughäfen, beim Bauriesen VINCI, in der Fertigung bei Siemens oder beim Automobilkonzern VW.
Und eben auch im Fußball. Bekanntestes Beispiel dürfte der französische Club Paris Saint-Germain sein, der in den letzten Jahren zu einer der Top-Adressen in Europa aufstieg – finanziert aus Katar. Weltstars wie Neymar, Mbappé oder Messi können nur nach Paris geholt werden, weil die katarische Regierung Hunderte an Millionen Euro in den Verein pumpt. Auf Dauer wird der Einfluss von Ölmagnaten und Regierungen aus dem Nahen Osten den Fußball kommerziell noch weiter aushöhlen und verzerren, denn die Engagements sind beispielsweise in Großbritannien gang und gebe. Auch in Deutschland sorgt Katar für Unfrieden zwischen Fans und Clubs. 2021 war sicher das Pestjahr in Sachen Kommunikation für den FC Bayern München, als die Situation auf der Mitgliederversammlung bei Nachfragen zum Sponsoring von Qatar Airways eskalierte. Die Fans beschimpften die Vereinsführung, die sich völlig uneinsichtig hinsichtlich einer Reflektion über den Werbepartner gab. Einer der Hauptkritiker sieht bis heute keine Besserungsabsicht der Club-Verantwortlichen, die eine Verlängerung des Engagements der Fluggesellschaft wohl 2023 verkünden werden.

Von den Unruhen im europäischen Fußball können die Gastarbeiter, die in Katar aktuell auch die Infrastruktur für die WM bauen, nur träumen. Hier sind andere Lebensrealitäten Alltag: keine Bezahlung, mangelnde Arbeitssicherheit, katastrophale Unterkünfte, abgenommene Pässe. Berichte häufen sich von Betroffenen, die über Todesfälle an Baustellen berichten. Generell sind laut offiziellen Angaben seit 2010 über 15.000 Menschen in Katar bei Bauarbeiten ums Leben gekommen, Hunderte davon allein beim Bau an WM-Infrastruktur. Unbezahlte Schwerstartbeit ohne Möglichkeit, in seine Heimat zurückzukehren – so etwas ist kurzum Sklaverei.
Dass Katar alle kritischen Stimmen hierzu verstummen lassen will, koste es, was es wolle, musste auch der ehemalige DFB-Chef Theo Zwanziger spüren: Das Emirat beuaftragte eine US-amerikanische Firma mit CIA-Verbindung, die Undercover ein Netzwerk um Zwanziger aufbaute. Das Ziel: Den damaligen DFB-Chef durch indirekte Beeinflussung von seiner Kritik am Golfstaat abzubringen. Als das nicht fruchtete und Zwanziger Katar aufgrund der Menschenrechtslage unter anderem als „Krebsgeschwür des Weltfußballs“ bezeichnete, klagte der katarische Fußballverband. Zum Glück erfolglos.

All diese Fakten sollten genügen, um die WM 2022 in jeder Hinsicht zu ignorieren. Die Stimmung, auch im fußballverrückten Europa, sieht anders aus. Denn der Westen sieht in Katar momentan – auch befeuert durch die vom Russland-Ukraine-Krieg ausgelöste Energiekrise – hauptsächlich eines: Einen Lieferanten von Flüssiggas. Es verwundert nicht, wenn deutsche Politiker und Wirtschaftsbosse sich in Doha die Klinke in die Hand geben, denn die Konsumenten in Europa lechzen nach Energie. Da wird die Menschenrechtslage zwar mal zart tangiert, aber letztlich geht es ja um Anderes, schließlich sei ja der soziale Frieden hier im eigenen Land bedroht, wenn der Otto-Normal-Verbraucher nicht mehr täglich duschen und nicht in jedem Zimmer das Licht anlassen könne. So verliert auch Bundeskanlzer Olaf Scholz kein Wort über die Menschenrechtslage im Golfstaat, als der Emir Tamīm bin Ḥamad Āl Ṯānī im Mai 2022 zum Auslandsbesuch nach Deutschland kommt. Auf Nachfragen der Presse, wie das Emirat während der Weltmeisterschaft Homosexuelle behandeln wird, heißt der Emir zwar alle Einreisenden willkommen, weicht der Frage aber mit der Bitte aus, die landeseigene Kultur nicht zu verletzen. Aktuell steht Homosexualität in Katar unter Strafe, von Gefängnis über Auspeitschung bis hin zur Todesstrafe (letztere wurde bislang angeblich nicht angewandt).
Dieser immense Einfluss Katars, der neben oben genannter Fakten zusätzlich die Förderung von Terrororganisationen beinhaltet, ist auch in einer umfassenden und sehenswerten Dokumentation
in der ARD-Mediathek einsehbar: Geld.Macht.Katar (ARD, 2022)

Spätestens seit dem Bekanntwerden der Menschenrechtslage in Katar sollte den letzten Zweiflern klar sein, dass das System Fußball weder fair, noch völkerverständigend oder in irgendeiner Weise sozial ist. Die Romantik, die der Profi-Fußball immer noch mit seinem Pseudo-Vereinsleben propagiert, ist seit Jahrzehnten einer kommerziellen Unterhaltungsindustrie gewichen, die zur Not auch über Leichen geht, um die Konten der Verantwortlichen gefüllt zu halten.
Dass man dafür nicht extra auf katarischen Baustellen suchen muss, haben die jüngsten Eregnisse um den Ex-Nationalspieler Jérôme Boateng gezeigt. Es geht um häusliche Gewalt, wofür sich der Sportler nun vor Gericht verantworten muss. In einem anderen Fall (wieder beteiligt: Boateng) führte dies schließlich zum Suizid einer ehemaligen Lebensgefährtin.
Eine lange und extrem herausfordernde Reportage von Correctiv und der Süddeutschen Zeitung hat sich dem Thema gewidmet und entblößt ein System aus Unterdrückung im Profi-Fußball, unter dem vor allem die Spielerfrauen und -freundinnen zu leiden haben. Netzwerke aus Managern, Beratern und machtverführten reichen Kickern, die Frauen schlagen, missbrauchen und bedrohen, üben zusätzlich psychischen Terror und Erpressung aus. Von Schweigepflichtserzwingung ist die Rede, von Morddrohung und Vergewaltigung, von öffentlicher Denunzierung. Und das anscheinend flächendeckend. Boateng ist also kein Einzelfall.

Die Summe dieser Erkenntnisse über den einst vielleicht tatsächlich so liebenswerten Fußball genügt, um sich eines klar zu machen: Wer einschaltet, streamt oder wie auch immer an WM und leider auch anderen Profifußballveranstaltungen teilnimmt, generiert Aufmerksamkeit (und letztendlich Einnahmen) für ein menschenverachtendes System. Da helfen keine Lippenbekenntnisse und auch keine Kapitänsbinden in Regenbogenfarben. Dem System Fußball werden wir nur mit entschlossenem Nicht-Konsum entgegentreten können, damit weniger Werbe- und TV-Gelder fließen, was weniger Korruption und weniger Machtgeilheit von Sportfunktionären, Profis und Wirtschaftsbossen mit sich ziehen kann.

Deshalb bleibt nur eine logische Konsequenz: Bildschirm aus!

Es ist ein frommer Wunsch, denn die Mehrheit schaltet vermutlich trotzdem ein…

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