Der Wald stirbt – doch gibt es Hoffnung?

Kaum ein landwirtschaftlicher Zweig vermengt die Bereiche Biodiversität, Nachhaltigkeit und ökonomische Interessen so sehr wie die Forstwirtschaft. Vielerorts wird über den richtigen Umgang mit Ur- und Kulturwald gestritten. Das ist nötig, doch die Zeit und der Klimwandel arbeiten gegen uns.

 

Ein Wald ist etwas Besonderes. Ort zur Ruhe, Einkehr, zum Spazierengehen, Joggen, Wandern. Zur Naturbeobachtung. Ein Wald ist auch Rückzugsraum für die letzten Wildtiere in unserer zersiedelten Welt. Der Gang unter dem Blätterdach hindurch erdet, die vielen Geräusche der Pflanzen und Tiere verändern die Aufmerksamkeit. Wer Wald erlebt, geht in Kontakt mit einem zutiefst alt und ehrwürdig anmutenden biologischen System, einem Komplex aus Milliarden Organismen, von denen wir die wenigsten überhaupt sehen. Der Wald heilt uns auch, psychisch wie physisch, das ist wissenschaftlich erwiesen. Und Wälder stellen weltweit gigantische Flächen an CO²-Speichern – ein Kernelement, wenn es um den Klimawandel geht.
Umso wichtiger ist es, dass wir Wälder schützen, nachhaltig behandeln – und nachhaltig bewirtschaften.

Denn genau der letzte Punkt, die Bewirtschaftung, hat in den vergangenen Jahrzehnten unsere Wälder ausgelaugt, geschädigt und sie nachhaltig geschwächt, wenn es um Wald-Gesundheit  in Zeiten des Klimawandels geht. Man muss dafür nicht extra in abgeholzte Regenwaldregionen Südamerikas oder Indonesiens reisen, um die Folgen von Misswirtschaft und globaler Profitgier begutachten zu können. Da reicht teils einfach ein Schritt vor die Haustür in den nächsten Forst (was die betriebswirtschafltiche Bezeichnung für einen Wald ist), um zu sehen, was Monokultivierung und Bodenzerstörung angerichtet haben. Kranke, kahle Bäume stehen neben flachwurzelnden, schnellwachsenden Nadelwäldern, die Geld bringen sollen, aber keinesfalls zur Biodiversität beitragen. Die jüngsten Stürme haben große Schäden angerichtet, aber der Mensch sieht darin leider meist nur den ökonomischen Schaden. Denn sofort wird mit den Erntemaschinen ausgerückt, tiefe Schneisen in den Waldboden und das darin verborgene, wichtige Pilzgeflecht getrieben und damit den Wäldern noch zusätzlich geschadet. Totholz wird nicht liegen gelassen, alles muss verwertbar sein.

 

Hoffnung macht hier der Ansatz einer ökologisch nachhaltig ausgerichteten Waldwirtschaft, die seit einigen Jahren in manchen Forstbetrieben praktiziert wird: Vermeidung von Monokultivierung, Totholz wird vermehrt liegen gelassen, Kahlschlag vermieden; anstelle von Erntemaschinen werden Bäume klassisch von Hand gefällt und mit Pferdefuhrwerk ausgefahren (den sogenannten Rückepferden). Diese schonende Bewirtschaftung sorgt für eine Stärkung der Wald-Gesundheit und fördert gleichzeitig die Biodiversität. Die Bodenqualität verbessert sich, allgemein wird der Wald robuster und widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Schädlinge, Extremwetterereignisse und andere Umwelteinflüsse. Das hat langfristig natürlich auch ökonomische Vorteile, denn nur ein gesunder Wald kann nachhaltig genutzt werden.

Der Diskurs über die Art und Intensität der Waldbewirtschaftung hält schon länger; so richtig ins Bewusstein rückte er aber erst im Jahr 2015, als der Förster Peter Wohlleben mit seinem bekannten Werk „Das geheime Leben der Bäume“ (Ludwig Verlag, München) die Öffentlichkeit für die spannenden und komplexen biologischen Interdependenzen in unseren Wäldern sensibilisierte. Schon vorher hatte sich die Forstwirtschaft gewandelt, aber zu langsam und noch zu sehr von ökonomistischen Denkmustern durchzogen. Dass jetzt ein Wandel bevorsteht, auch durch die Erweiterung des Ausbildungsangebots für Studierende, ist zu begrüßen.

Die Fragen werden hierbei sein: Inwieweit werden sich die Systeme ökonomische und ökologische Forstwirtschaft gegenüberstehen oder inkludieren? Und wird die Zeit, die für diesen Wandel aufgewandt wird, ausreichen, um zukunftsfähig mit Klimawandel und dem dennoch immer weiter zunehmendem Ressourcenverbrauch umgehen zu können? Denn tatsächlich sind in den Jahren 2018-2021 knapp fünf Prozent der gesamtdeutschen Waldfläche verschwunden, belegt eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Und nach wie vor brauchen wir Menschen Holz: Zum Bauen, zum Heizen, für Werkzeuge, für Schreibmaterial wie Stifte und Papier. Holz ist neben Stein das älteste Baumaterial, das wir Menschen benutzen, es ist so tief verankert in unserer Kultur, dass es aus dem Alltag nicht wegzudenken ist. Dennoch muss auch hier beim Endverbraucher letztlich ein Umdenken stattfinden, was Papierverbrauch, das Heizen mit Holz und der Neukauf von Holzmöbeln und anderen Baumaterialien anbelangt. Nur so werden wir auch in Zukunft durch Wälder wandern können, die diese Bezeichnung auch verdient haben.

 

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