Tiefseebergbau – der nächste ökologische Sargnagel

Im März 2022 berichteten wir über den Inselstaat Nauru und seine Pläne, Lagerstätten seltener Erden in der Tiefsee für den Bergbau freizugeben. Die Fragen, die sich in ökologischer wie sozialer Sicht ergeben, sind gravierend. Nach aktuellen Entwicklungen gibt es hier einerseits Hoffnung auf internationale Verbote, aber keinesfalls Entwarnung. Die Dilemmata der UN-Kontrollgremien und die Gier einiger Konzerne bedrohen die Meeresökologie und damit uns alle.

Die Energiewende im Mobilitätssektor wird aktuell vom E-Auto-Markt dominiert. Diese Autos brauchen Batterien. Batterien benötigen die verschiedensten Elemente, früher vor allem Kobalt und Nickel, heute durch technologische Neuerungen eher Lithium und Graphit. Ohne diese beiden letztgenannten Rohstoffe gibt es aktuell keine Batterien. Lithium und Graphit werden im Oberflächenbergbau gefördert, hier gibt es massive Probleme mit Umweltverschmutzung. Das aktuellste Beispiel dürfte die Erschließung des weltweit größten Lithiumvorkommens im Dreiländereck von Bolivien, Chile und Argentinien sein, hier sind die ökologischen Folgen für die riesigen Salzseen, in deren Sole sich verschiedenste Rohstoffe gelöst befinden, noch nicht absehbar.

Doch die Menschheit hat sich noch fantastischere Regionen zum Abbau seltener Erden ausgesucht: Die Tiefsee! Nicht genug, dass ein Großteil dieser Regionen schlechter erforscht ist als die Oberfläche mancher Himmelskörper, wollen Unternehmen nun ungeachtet ökologischer Bedenken aus mehreren Tausend Metern Tiefe sogenannte Manganknollen fördern: Diese über Millionen von Jahren gewachsenen Gesteins-Akkumulationen beinhalten Rohstoffe wie Mangan, Nickel und Kobalt. Und eben Lithium. Diese Knollen sollen nach der Vorstellung einiger Unternehmen, allen voran das kanadische Bergbauunternehmen The Metals Company (kurz: TMC),  nun vom Meeresboden abgesaugt, von Sediment bereinigt, aufgebrochen und in seine einzelnen Rohstoffe zerlegt werden. Nach Aussage des TMC-CEO Gerard Barron könnte mit nur wenig Aufwand der weltweite Bedarf an Rohstoffen für Batterien gedeckt werden.

Das Problem nur: Lobbyisten wie Barron erzählen nicht die ganze Wahrheit. Denn einerseits ist das in Manganknollen enthaltene Lithium in solch geringen Mengen enthalten, dass es sich gar nicht für die Batterieproduktion eignen würde. Laut einer Studie des Öko-Instituts würde das geförderte Lithium als Schlackenabfall enden. Ebenso würde der Großteil des geförderten Mangans nicht in die Batterie- sondern in die Stahlproduktion fließen. Selbst eine im Vergleich zu heute hundertfache Menge an neu zu bauenden Batterien würde das aktuelle Angebot an Mangan auf dem Weltmarkt nur in geringster Weise beeinflussen, weswegen der Nutzen der Manganknollen für die Energiewende auch hier fraglich ist.

Das zweite Problem, dass sich hier ergibt, ist ein ökologisches: Wir wissen als Menschheit bislang so gut wie nichts über die Prozesse, die sich am Tiefseeboden abspielen. Was gesichert ist, ist dass es keine toten Welten sind, deren Bewohner mit sehr langsamen Stoffwechseln und über endlos lange Zeiträume gewachsene Nahrungsketten einen Eingriff wie durch den Tiefseebergbau nicht unbeschadet überstehen würden. In mehrjährigen Forschungsprojekten konnte nachgewiesen werden, dass durch Entnahme der Knollen und Befahren des Tiefseebodens durch Fördermaschinen tiefe Spuren im Meeresboden hinterlassen werden sowie Unmengen an Sediment aufgewirbelt und in der Umgebung abgelagert werden. Diese Auswirkungen zerstören die dortigen Ökosysteme, eine Regeneration dauert unter solchen Extrembedingungen Jahrtausende. Des Weiteren sind die Verzahnungen dieser Tiefsee-Ökosysteme mit den darüberliegenden bislang nur unzureichend erforscht. Was sich in den Tausenden Metern der Wassersäule darüber abspielt, hat bis zum letzten kleinen Plankton einen direkten Einfluss auf unser aller Leben: Die Ozeane gelten als die weltweit größten Speicher an CO², Phytoplankton ist ein unersetzbares Schlüssel-Lebewesen in der Erzeugung von Sauerstoff auf unserem Planeten. Der Klimawandel beeinflusst die Ökosysteme der Meere ohnehin schon, es drohen durch Erwärmung und Versauerung ungeahnte Konsequenzen. Wollen wir wirklich noch einen weiteren Sargnagel für unsere menschengemachten Katastrophen eintreiben, indem wir an Öko-Systemen durch Tiefseebergbau herumdoktern, die wir noch nicht einmal verstehen?

Die wichtigsten Entscheidungen zu diesen Fragen werden in den kommenden Jahren wohl in der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone gefällt: Dieses etwa 7000 Kilometer lange Gebiet im Zentralpazifik – grob zwischen der mexikanischen Küste und den hawaiianischen Inseln gelegen – beherbergt neben einigen Hoheitsgewässern verschiedener Inselstaaten, darunter Nauru, auch internationale Zonen von wirtschaftlichem Interesse. Hier finden sich Tiefseeregionen mit Millionen Quadratkilometern Fläche, auf deren Böden Manganknollen lagern. Die International Seabed Authority (ISA) will in einigen der Regionen, die etwa die Fläche Europas haben, die ersten Abbaulizenzen vergeben, nachdem viele Länder in den letzten Jahrzehnten bereits Forschungsanträge zur Exploration gestellt hatten. Manche davon mit Fokus auf den ökologischen Einfluss, fast alle aber im Kern wirtschaftliche Machbarkeitsstudien. Innerhalb der 200-Meilen-Zonen haben internationale Gremien nur bedingt Einfluss, dennoch müssen sich Länder und Unternehmen auch hier an geltendes Recht zu Umweltschutz und Abbauvorschriften halten. Wie immer haben wir es hier mit einem Rennen zwischen Ökonomie und Ökologie, zwischen Wachstum und Wissenschaft zu tun.

Von daher ist die Entscheidung einiger Konzerne, auf Rohstoffe aus dem Tiefseebergbau verzichten zu wollen, zu begrüßen. Es ist auch positiv zu bewerten, dass gerade Länder wie Frankreich, die sich in den letzten Jahrzehnten nicht mit Ruhm bekleckert haben, was ihre wirtschaftlichen Interessen und Ausbeutungspraktiken in überseeischen Hoheitsgebieten anbelangt, sich nun für ein Verbot des Abbaus in der Tiefsee aussprechen. Andere Länder ziehen mit, die Schweiz, Kanada oder Neuseeland fordern ein Moratorium, Deutschland spricht sich neben Vanuatu, Brasilien, Schweden und anderen mindestens für ein Pausieren mit der Vergabe der Förderlizenzen aus, solange die ökologische Frage nicht geklärt ist. Während sich die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Ende 2022 noch positiv gegenüber einem potenziellen Tiefseebergbau zeigte, hat sich die Lage durch weitere Studienergebnisse und internationalen Druck also zum Glück geändert.

Es zeigt sich also, dass das Argument, Manganknollen seien unersetzlich für die Energiewende, komplett erfunden ist. Es ist ein Scheinargument, mit denen Bergbaukonzerne und Offshore-Dienstleister wie The Metals Company oder die Schweizer Allseas gern bei Kritikern punkten wollen, obgleich es ihnen vordergründig darum geht, Rohstoffe zu fördern und zu verkaufen. Schnell und gewinnorientiert. Wie wir Menschen nun mal so sind. Was in zehn oder hundert Jahren ökologisch passiert, spielt keine Rolle, Hauptsache, bald gibt es Rendite. Diese Gier hinter scheinbar ökologisch wohlwollenden Absichten zu verstecken, ist schlichtweg ekelhaft und verstörend – aber es verwundert auch nicht besonders…

Doch das Problem sind auch internationale Gremien wie die International Seabed Authority, die einerseits zu langsam und ineffizient auf Problematiken des Tiefseebergbaus eingeht, andererseits wohl auch längst von Lobbyisten unterwandert ist. Mit der letzten Erklärung der ISA im Juli 2023 wurde bekannt, dass sich auf keine abschließenden Regularien zum Abbau am Meeresboden geeinigt werden konnte. Die Entscheidung wurde vertagt. Dennoch rechnen Firmen wie TMC mit Lizenzzusagen der ISA für Hoheitsgewässer wie beispielsweise Nauru noch in diesem Jahr, so dass 2024 mit dem Abbau begonnen werden könnte.

Wenn das passiert, drohen weitere Firmen mit in diesen neuen Industriezweig einzusteigen. Wo im Bergbau an Land mittlerweile mehr und mehr Konzerne durch öffentlichen Druck nach sogenannten ‚Social Licences to Operate‘ agieren müssen, herrscht ein durch den direkten ökologischen und sozialen Einfluss des Bergbaus auf benachbarte Menschen eine Art Korrektiv, soll heißen: Die Welt schaut hier eher hin. Im Tiefseebergbau, der meist mehrere Tausend Kilometer weit weg und kilometertief unter gigantischen Massen Wassers verborgen stattfinden würde, entfiele dieses Korrektiv. Durch den mangelnden Zugriff auf Informationen aus diesen Gebieten und den vordergründig nur indirekt spürbaren Einfluss auf Menschen droht dieser kommende Industriezweig ein Schattendasein in der ökologischen Debatte zu fristen. Das hilft den Unternehmen, und schadet dem Planeten. Und damit am Ende uns allen.

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