Volle Netze – Leere Meere

Die Industriestaaten fressen die Meere leer. Sie zerstören damit das Gleichgewicht der ozeanischen Ökosysteme sowie die Lebensgrundlage von fast einer Milliarde Menschen.

Der weltweite Fischfang steht seit Jahren auf dem Prüfstein: Die massive Überfischung verringert einerseits die Biodiversität und bedroht damit empfindliche Ökosysteme, welche wir für ein nachhaltiges Gleichgewicht auf dem Planeten benötigen. Auch die soziale Frage von Arbeitsbedingungen auf Fangflotten und in Auqakulturen gibt immer wieder Anlass zur Sorge: Unfälle, Sklaverei und Kinderarbeit sind allgegenwärtig. Dennoch pocht die Lebensmittelindustrie auf Fisch als das Allheilzweckmittel, gegen Welthunger wie Zivilisationskrankheiten gleichermaßen. Doch zunehmende Warnungen von wissenschaftlicher Seite sowie Enthüllungsreportagen zeigen, dass unser Bedarf an Fisch zwar noch volle Netze (und volle Kassen der Unternehmen) erzeugt, die Meere aber jetzt schon viel zu leer geworden sind – und dass Fisch nicht zwingend so gesund ist, wie man meinen mag.
Nicht erst seit der Dokumentation Seaspiracy (Tabrizi, 2021) wird über die Zustände der Meere, der Tiere und der Menschen im Dunstkreis der Fischindustrie berichtet. Doch dieser bis dato aktuellste Blick zeigt wieder einmal auf, wie verheerend die Situation ist: Überfischung und Ausrottung von Beständen, Zerstörung von Seeböden durch Schleppnetze sowie eine massive Plastikvermüllung durch ebendiese. Sklaverei in manchen Regionen, Zusammenbruch lokaler Kleinfischereien, Schadstoffbelastung in Lebensmitteln, undurchsichtige Verquickung von Industrie und Nachhaltigkeits-NGOs, die munter ihre Zertfizierungen verteilen. Zwar sollten nicht alle Thesen des Films, was Zahlen und Zukunftsausblicke anbelangt, unvoreingenommen übernommen werden, die Botschaft ist jedoch klar und wahr: Unsere Ozeane, und damit die empfindlichsten Ökosysteme unseres Planeten – die dazu noch mehr CO² speichern als alle Regenwälder zusammen – erleben aktuell eine menschengemachte Veränderung, die einem Kollaps gleichkommt.

Kaum ein tierisches Lebensmittel wird von ernährungswissenschaftlicher Seite so extrem hervorgehoben wie Fisch und andere Meeres“früchte“. Als gut veträglichge Proteinquelle versorgt Fisch uns mit Eiweiß, auch Jod und weitere Spurenelemente sind im Fleisch der Tiere vorhanden. Dazu kommt der Anteil an ungesättigten Fettsäuren, die wieder und wieder als DIE gesunden Fettquellen schlechthin bezeichnet werden. Zwar gibt es einige pflanzliche Lebensmittel, die die viel gepriesenen Omega-3-Fettsäuren in größerer Konzentration aufweisen, bestimmte Arten davon finden sich aber nur in Fisch. Aber wirklich nur in Fisch? Mitnichten. Denn diese speziellen Fettsäuren werden nicht einmal von den Fischen selbst produziert, sondern von den Mikroalgen, die die Tiere wiederum fressen. Wieso also nicht gleich die Algen essen anstelle des Fischs? Dazu reichert Fischfleisch teils extreme Mengen an Umweltgiften an, so etwa Quecksilber, Dioxine oder auch Konservierungsstoffe, die etwa in Futtermitteln in der Aquakultur Anwendung finden.
Das Alleinstellungsmerkmal des hypergesunden Lebensmittels, das Fisch sein soll, existiert also teils gar nicht – auch dann nicht, wenn es sich um Fische aus Zuchtanlagen handelt. Hier zeigt die Tierhaltungsindustrie nämlich ihr ähnlich hässliches Gesicht wie in der Massenhaltung der Landtiere: Überfüllte, beengte Räumlichkeiten führen zu extremem Stress und extremer Verdreckung. Die Tiere verletzen sich in der Enge gegenseitig, Krankheiten brechen aus, denen der Mensch mit tonnenweise Antibiotika im Futter begegnet, welches sich ebenfalls im Fleisch der Tiere anreichert. Die massive Verkotung der Umgebung verseucht die Küstengewässer um Aquakulturen herum und beeinträchtigt somit zusätzlich die lokalen Ökosysteme – vom Stress und den teils lebensgefährlichen Bedingungen, denen die menschlichen Arbeitskräfte ausgesetzt sind, ganz abgesehen.
So hat bereits vor zwölf Jahren die Dokumentation Lachsfieber (Huismann/Schumann, 2010) die Zustände in chilenischen Aquakulturen aufgezeigt: Unter der Leitung des norwegischen Nahrungsmittelriesen Marine Harvest (2019 umebannt in Mowi) kommt es in den dortigen Anlagen bis heute zu Massensterben durch Überdüngung, Ausbrüchen von Tieren und Todesfällen unter den Mitarbeitern. Norwegen und Chile kontrollieren 70 Prozent der weltweiten Zuchtlachsproduktion und stellen damit einen Großteil der ökologischen und sozialen Problematik dieser Industrie dar. Mowi aber lässt sich in Europa für seine angeblich so nachhaltigen Aquakulturen in Norwegen feiern und auszeichnen, die selbstredend medienstark präsentiert werden.

Wieder einmal sind es die Märchenstunden der Industrie, zu deren Erzählungen Politiker, Lobbyisten und Konsumentenverbände sich eifrig versammeln, um wie am knisternden Kaminfeuer Ommas Geschichten zu lauschen. Die sturm laufenden Umweltaktivisten, Tierschützer und Arbeitnehmerverbände vor der Tür sind da nur nervige Störgeräusche und werden von der Polizei flix mit dem nächsten Wasserwerfer von der Straße geputzt.
Hier genau sollte der Ansatz aber weiter gesucht, ausgebaut und organisiert werden. Es kann unter sozialen Gersichtspunkten nicht sein, dass internationale Arbeitnehmerorganisationen außerhalb Europas eine enge Vernetzung aufweisen, in der ‚alten Welt‘ aber so gut wie keine Beachtung finden. Welche Art Solidarität einer Arbeiterschaft ist das, in der senegalesische Fischer nur noch den Beifang-Schmodder der internationalen Trawler-Flotten in den Netzen haben, chilenische Taucher beim Netzreparieren ersaufen und weltweit abertausende Kinder zur Arbeit in der Fischindustrie gezwungen werden – hier in Europa aber in der Regel nur für Frühverrentung, Work-Life-Balance und Abfindung gekämpft wird? Die Antwort auf diese Frage sollte sich jeder selbst geben können …

Ein Ansatz zur indirekten Hilfe, um solchen Zuständen zu begegnen, kann der Verzicht auf Fisch als Ganzes, zumindest aber aus dem Ausland sein. Das macht Fisch teuer und rar auf dem Teller, aber genau das sollte Fisch auch sein. Die kapitalistischen Industriestaaten brauchen Fisch in der aktuellen Menge nicht. Die weltweit etwa 800 Millionen Menschen, die direkt vom Fischfang abhängig sind, schon. Denn diese bedienen mit Fisch ihre lokalen Märkte, dazu stellt Fisch eine der wichtigsten Nahrungsquellen in den dortigen Regionen dar. Die Arbeit und das alltägliche Leben dieser Menschen besteht zu einem Großteil aus Kleinfischerei und lokalem Konsum. Sie sind nur deshalb abhängig von einer globalen Fischindustrie geworden, weil diese ihnen aufgezwungen wurde – durch Überfischung, internationale Handelverträge und (damit einhergehender) Zerstörung lokaler Infrastruktur durch ausländische Engagements.

Wenn wir die Ökosysteme der Ozeane nicht noch weiter zerstören wollen und das Leid von Millionen Menschen in unwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht noch weiter verlängern wollen, müssen wir JETZT damit anfangen, aufzuhören:

  • aufhören, Thunfisch zu essen – die Tiere sind akut vom Aussterben bedroht, ihr Fang bedroht dazu Delphin- und Haibestände und vernichtet labile Nahrungsketten im Meer
  • aufhören, uns auf Nachhaltigkeits-Label zu verlassen, die von der Nahrungsmittelindustrie ins Leben gerufen und als Verkaufsargument fürs gute Konsumgewissen benutzt werden – einzig und allein, um MEHR Geld zu verdienen
  • aufhören, Tiere aus internationalen Aquakulturen zu essen – die dortigen Bedingungen schaden der Umwelt, den Tieren und den dort arbeitenden Menschen
  • aufhören, Fischprodukte der großen Konzerne zu kaufen, denn diese stammen zu 99% aus internationalen Gewässern, was Überfischung und Vermüllung der Meere nur noch verstärkt

Und schließlich müssen wir endlich damit ANFANGEN, Probleme dieser Art nicht als weit weg und isoliert zu betrachten, sondern eingebettet in unsere globale Konsumkultur – WIR, TheBigWe, sind Teil des Problems, und damit auch Teil der Lösung!

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