Obige Beispiele sollen einerseits zeigen: Die Erfolge großer Gewerkschaften bei den Betriebswahlen sind in der Regel dem gleichen Umstand unterworfen, warum sie in der betrieblichen Mitbestimmung durchsetzungsfähig sind. Es ist der Faktor ihrer Präsenz. Erfolge sind also auch und vor allem dem Druckmittel ihrer schieren Größe zu verdanken. Viele Mitglieder können vielerorts konzertiert für ihre Rechte eintreten und durch gemeinsame Aktionen (Demonstrationen, Streik, etc.) wirtschaftlichen Druck auf die Arbeitgeberseite ausüben. Entwicklungen wie bei IGBCE und IG Metall sind zum aktuellen Zeitpunkt zwar rein rechnerisch noch nicht dramatisch, aber die Richtung, in die sich eine potenziell zersplitterte Gewerkschafts-Landschaft bewegt, könnte schon bald Anlass zur Sorge sein. Zumal auch abseits davon andere ‚Baustellen‘ vorhanden sind, wie die zunehmend ablehnende Haltung unabhängigen Betriebsräten gegenüber, beispielsweise bei Tesla im Grünheider Werk, gezeigt hat. ‚Amerikanische‘ Verhältnisse, die die Zerschlagung von Mitbestimmungsstrukturen eher fördern als verhindern, üben zusätzlichen Druck auf eine BR-Organisation aus.
Je zerfaserter, kleiner und damit weniger schlagkräftig eine Arbeitnehmerorganisation ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ihre Rechte und Forderungen nicht durchsetzen wird, Union Busting ausgesetzt ist oder schlicht gar keine Vertretung zustande kommen kann. Denn den großen zentral organisierten Gewerkschaften steht eine Vielzahl an kleinen Interessenverbänden, Arbeitsgemeinschaften und hybriden Verbänden gegenüber, die gewerkschaftsspezifische Organisation und Aufgaben erfüllen, aber teils große Mengen an Beschäftigten vertreten wollen. So etwa der Verband medizinischer Fachberufe e.V. (vmf). Wie viele der in Deutschland tätigen rund 700.000 medizinischen, zahnmedizinischen und zahntechnischen sowie tiermedizinischen Fachangestellten aber tatsächlich in diesem Verband als Mitglieder organisiert und/oder aktiv sind, ist unklar, was wiederum kaum Rückschlüsse auf die Durchsetzungskraft zulässt. Wer sich beispielsweise über Tarifverträge in der Zahntechnik informieren möchte, könnte überrascht werden.
Ein Kritikpunkt kann aber auch genau diese schiere Größe vieler Gewerkschaften sein, da sie, wie oben beschrieben, zum potenziellen Müßiggang ihrer Mitglieder einlädt. Darauf lässt zumindest die geringe Wahlbeteiligung bei VW schließen. Ebenso droht die Gefahr, die Außenkommunikation zu opportunistisch zu gestalten, Erfolge hervorzuheben und Probleme zu verschweigen. Diese Art oft unzureichender Selbstreflexion erinnert viel zu sehr an den Politikersprech von Regierungen und könnte auch einer der Gründe sein, warum mehr und mehr Menschen sich nicht mehr wirklich für Mitbestimmung am Arbeitsplatz interessieren. Das mag auch daran liegen, dass eine Kultur eines harten Arbeitskampfes, wie wir ihn noch auch Frankreich oder Griechenland kennen, verloren gegangen ist, durch das Prinzip der Sozialpartnerschaft aufgeweicht wurde, weil Friedenspflicht oder die generelle Abkehr vom Generalstreik drastischere Hebel verhindern – Fun Fact: Wer mal den Begriff ‚Friedenspflicht‘ bei Wikipedia sucht, wird neben dem deutschen Eintrag nur noch Informationen auf Schwedisch und Norwegisch finden; in Spanien, Frankreich oder Griechenland existieren solche Prinzipien nicht einmal.
Das ist eines der Dilemmata, der sich die Mehrheit der Arbeitnehmervertretung im Nachkriegsdeutschland stellen musste: Weil die politisch und gesellschaftlich zersplitterten Richtungsgewerkschaften der Weimarer Republik (Kommunisten, Liberale, Sozialisten, Christen usw.) die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht verhindern konnten, entschied man sich für das Prinzip der Einheitsgewerkschaften – in der Hoffnung, verschiedene politische Strömungen zu bündeln und konsensfähig zu halten. Dies hat aber im Endeffekt wohl nur zu einer Scheineinheit geführt, der weiche Kompromiss der Sozialpartnerschaft hat den Konsens einer echten, mit einer Stimme sprechenden Interessenvertretung verdrängt. Die Streit- und Streikkultur in der betrieblichen Mitbestimmung in Deutschland ist schlicht zu brav, könnte man sagen, und das hat in den vergangenen Jahrzehnten auf die gesamte Konfliktkultur der Arbeitnehmenden an sich abgefärbt. Ein politischer Einheitsbrei, dem dann vielleicht die Resilienz gegen genau jenen Rechtsextremismus fehlen wird, der ursprünglich einmal damit verhindert werden sollte.
Damit zusammen hängt, dass Gewerkschaften und/oder Betriebsräten immer wieder vorgeworfen wird, klare Grenzen zwischen der Konzernleitung und Arbeitnehmer*innenvertretung zu oft zu verwischen, eben dort zu viel Nähe zuzulassen, wo ein kämpferischer Abstand vonnöten wäre. Misstrauen ist gewachsen gegenüber freigestellten Betriebsrät*innen, gegenüber mächtigen Gewerkschaften, die nur für Mitglieder Boni erkämpfen, und in ihrer Wohlstands-Kultur Teile jener, die an den Verhandlungstischen sitzen, in eine ‚Arbeiter-Aristokratie‘ verwandelt haben. Die Vorwürfe gehen so weit, dass diese Geisteshaltung letztlich Gerhard Schröder (‚Genosse der Bosse‘), die Agenda 2010 und auch den Niedergang der Sozialdemokratischen Partei mit hervorgebracht hat. Und weil nach Jahrzehnten mehr und mehr des erwirtschafteten Wohlstandes bei einem Großteil der Bevölkerung wegbricht, wird die Schuld nun nicht nur bei Lobbyisten und Konzernvorständen gesucht, sondern auch bei den Gewerkschaften.
Ob es sich bei solchen Vorwürfen nun um berechtigtes Misstrauen oder simple Missgunst handelt, soll an dieser Stelle nicht Thema sein, für beides gibt es Belege, über beides herrscht ein andauernder Diskurs.
Fakt ist: Die Interessengruppe der Beschäftigten spricht zu oft nicht mit einer Stimme. Anders lässt sich der dramatische Rückgang in den Mitgliederzahlen bei DGB und Co. nicht erklären. Die fachspezifische wie auch die persönliche Identifikation der Arbeitnehmenden mit den Betriebsräten und Gewerkschaften, der aktivistisch-agitierende ‚Stallgeruch‘, der in den ersten drei bis vier Nachkriegsjahrzehnten den Erfolg der Interessenvertretung ausmachte, scheint einem Bratwurst- und Biergeruch auf 1. Mai-Kundgebungen gewichen zu sein.
Wenn sich Gewerkschaften und Dachverbände nicht zukünftig dem Dilemma der eigenen Hybris gegenüberstehen sehen wollen, müssen sie Kommunikationswege finden, um am Band, im Büro oder auf dem Bau wieder vermehrt gehört zu werden. Sie müssen dem demografischen Wandel mit verstärktem Fokus auf Jugend- und Auszubildendenarbeit begegnen und sich eine Sprache aneignen, die von jenen sowohl gehört als auch verstanden wird. Dies ist im Zeitalter einer aggressiven und schnelllebigen Aufmerksamkeitsökonomie über soziale Netzwerke mit Sicherheit die Mammut-Aufgabe. Auch, weil besonders von dieser Seite der populistische und faschistische Einfall stark präsent ist. Es reicht heutzutage einfach nicht mehr aus, sich als Gewerkschaft einzig auf die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Betrieben zu fokussieren und den Abbau des Sozialstaats zu bekämpfen. Gewerkschaft muss mehr sein. Wenn der DGB etwa seinen Mitgliedern nicht klar vermitteln kann, dass Mitbestimmung ein Kernelement demokratischer Kultur darstellt, die zum Mitmachen, Vorleben und Weitergeben animiert, dann wird dieser auch zwingend bildungspolitische Aspekt in nicht allzu ferner Zukunft so weit an Bedeutung verloren haben, dass er nicht nur in den Betrieben keine Rolle mehr spielt, sondern auch zuhause am Küchentisch, im Verein, in der Gesellschaft an sich. Dann wird neben dem Kampf für die Eigeninteressen am Arbeitsplatz ganz generell das Bewusstsein für das Einstehen für sich und andere verschwinden. Und dann werden am Ende die Autokraten dieser Welt gewinnen. Lassen wir es nicht dazu kommen.
In diesem Sinne: Danke an alle Gewerkschaften, Betriebsräte und Helfer*innen für ihre wichtige Arbeit, faire und soziale Bedingungen in den Betrieben durchzusetzen und damit ein Mosaik der Demokratie in die Gesellschaft zu setzen. Glückwunsch zu euren Ergebnissen bei den Betriebsrats-Wahlen 2026.
Ruht euch nicht darauf aus.